Wenn dich die Idee, Anfang Januar durchzustarten unter Druck setzt und du deine guten Vorsätze nach wenigen Tagen im Sande verlaufen, liegt das nicht an fehlender Willenskraft. Sondern daran, dass unser Nervensystem im Januar etwas ganz anderes braucht, als Vollgas zu geben.
Ich teile mit dir, wie du den Jahresbeginn nutzt, um dich sanft, psychologisch sinnvoll und körper-freundlich auf das neue Jahr einstimmst, damit du Energie aufbaust, die dich durch das Jahr trägt und unterstützt.

WER SCHREIBT HIER?
Maren Häde ist klinische Psychologin, selbst hochsensibel und spezialisiert auf Selbstzweifel-Coaching mit der Inneren Familie (IFS). Sie arbeitet vor allem mit Selbstständigen und Menschen, die ihre Beziehungen – zu anderen und sich selbst – vertiefen wollen.
In diesem Blog teilt sie faszinierende Einsichten in die innere Familie, das Nervensystem und praktische Tipps, um Selbstzweifel zu überwinden und Selbstvertrauen zu stärken.
Obwohl sie kleine Kinder hat und gefühlt nie Zeit, passen trotzdem immer irgendwie ein Podcast und eine Tasse Chai in den Tag.
Zu Weihnachten habe ich einen Licht-Wecker bekommen. Der geht morgens vor der eigentlichen Weckzeit ganz sanft an, wird langsam heller und weckt mich so ganz natürlich. Heute habe ich das ausprobiert. Ich wurde tatsächlich vom sanften Licht wach, wollte aber noch weiterschlafen. Also machte ich das Licht wieder aus.
Was ich nicht erwartet hatte: Als die endgültigen Weckzeit kam, ging das Licht plötzlich volle Pulle an. Ich saß erschrocken im Bett und wusste kurz gar nicht, was eigentlich los ist.
So ähnlich fühlt es sich dieses Jahr an, wenn eine Mail in meinem Postfach mir ein neues Programm zum Durchstarten ins neue Jahr verkaufen möchte. Als ob jemand um Mitternacht plötzlich alle Lichter anknipst und verkündet: Es ist ein neuer Tag, steh auf und nutze ihn! Schnell!
Ein Teil von mir reagiert dann ein bisschen erschrocken. „Oh Gott, hab ich was verpennt? Hätte ich das machen müssen? Bin ich jetzt schon zu spät dran?“
Ich überlege, ob ich mich nicht doch noch schnell zu diesem oder jenen Programm anmelden sollte.
Und spüre erst nach einer Weile: Moment, das will ich doch eigentlich gar nicht!
Vielleicht bist du genau der Typ, der um Mitternacht und jetzt, mitten im Winter, super produktiv ist. Cool! Dann kannst du diesen Artikel einfach für andere Zeiten speichern, in denen es dir ähnlich geht.
Aber falls du zu den sensibleren Menschen gehörst, die den Einfluss der Jahreszeit auf ihre Energie deutlich spüren, möchte ich dir heute eine entlastende Perspektive mit dir teilen.
Januar ist nicht die Zeit für Neubeginn
Wusstest du, dass wir den Beginn des Jahres erst seit 1752 europaweit am 1. Januar feiern?
Jahrtausendelang wurde das neue Jahr zur Tag- und Nachtgleiche rund um den 21. März gefeiert. Im Frühling, wenn die Natur zum Leben erwacht und alles beginnt zu sprießen und zu blühen.
Der erste römische Kalender begann im März und hatte 10 Monate: Die ersten vier waren nach Göttern benannt (Martius, Aprilis, Maius, Junius), die anderen nummeriert (Quintilis, Sextilis, September, October, November und December). Der Kalender hatte damit nur 304 Tage.
Die fehlenden 61 Tage zwischen Dezember und März hatten keinen Namen. Sie war eine unbenannte Leere.
Erst als das Römische Reich so gigantisch wurde, dass immer irgendwo Früchte geerntet oder Waren gehandelt wurden, sollten jeden Monat Steuern erhoben werden. Dadurch war es notwendig, das Jahr komplett zu benennen. Darum fügte Julius Caesar dem Kalender 2 weitere Monate hinzu: Er hängte Januar und Februar hinten an das Jahr an.
Das wurde von der Bevölkerung weitgehend ignoriert. Kalender waren Priestern und der Obrigkeit vorbehalten, um Feiertage und Steuerfristen festzulegen. Der Kalender orientierte sich außerdem zunächst am Mond und wich darum Jahr für Jahr mehr von der tatsächlichen Jahreszeit ab. Er auch nicht einheitlich von allen Provinzen übernommen.
So wurde über tausend Jahre lang das neue Jahr weiterhin im Frühling begrüßt. Der Winter war eine Zeit, in der das Land brach lag, man sich zurück zog und versuchte, die Geister zu besänftigen um Krankheiten abzuwenden und sie für die Ernte im neuen Jahr gnädig zu stimmen.
Erst 1582 legte Papst Gregor den 1. Januar als Startpunkt des Jahres fest. Die frommen katholischen Länder folgten diesem Kalender, aber in Großbritannien und den amerikanischen Kolonien feierte man noch zweihundert weitere Jahre fröhlich das neue Jahr im Frühling – bis sie 1752 ebenfalls den gregorianischen Kalender übernahmen.
Eine echt unterhaltsame Sicht auf die Bemühungen um einen sinnvollen Kalender findest du auf substack: Happy New Year? (englisch) und etwas nüchterner bei National Geographics (dafür auf deutsch).
Fruchtbare Leere
Warum erzähle ich dir das?
Weil es sich für mich absolut natürlich anfühlt, Januar und Februar ruhig anzugehen.
Das neue Jahr zu planen, in mich zu gehen, zu reflektieren. Neue Kraft zu sammeln.
Vor allem, weil das in den trubeligen Weihnachtstagen und Schulferien kaum möglich war, nehme ich mir diese Zeit bewusst im Januar.
Aber jedes Jahr bekomme ich das Gefühl, irgendetwas sei mit mir verkehrt, wenn ich nach Weihnachten nicht voller Tatendrang in den Startlöchern stehe.
Wenn es dir auch so geht, habe ich heute eine große Erlaubnis an dich:
Es ist erlaubt, dich auszuruhen und das neue Jahr langsam zu beginnen.
Es ist erlaubt, dich zurück zu ziehen, in dich zu gehen. Zu heilen, zu ruhen, die natürliche Energie zurück kehren zu lassen, anstatt sie zu erzwingen.
Fruchtbare Leere (fertile void) nennt Kate Northrup diese Phase.
Der Gedanke, dass die nächsten Wochen leer(er) sein dürfen, damit etwas neues, fruchtbares entstehen kann, lässt meine Schultern nach unten sinken und mich tief ausatmen. Ich muss das Jahr nicht durchgetaktet haben, bevor es überhaupt richtig begonnen hat.
Ich darf diese Pause begrüßen, diesen Übergang, in dem ich noch nicht weiß, was mich genau erwartet. Wie das Neue genau aussehen muss. Ich begrüße das Unbehagen genauso wie die Neugier, so lange ich das Neue noch nicht klar sehe und es auf mich zukommen lasse.
Tiefe, echte Kreativität entsteht nicht trotz dieser Pause, sondern gerade wegen ihr.
Wenn wir uns in der fruchtbaren Leere befinden, fühlt sich das oft sehr unangenehm an, sowohl weil eine Pause zum Nachdenken, Integrieren und Ausruhen in unserer Kultur nicht geschätzt wird, als auch weil es Druck braucht, um einen Diamanten zu schaffen.
Der Schlüssel, um das Beste aus dieser unvermeidlichen und notwendigen Phase im Schaffensprozess herauszuholen, besteht darin, sie als solche anzunehmen.
Wenn wir uns gegen die Phase wehren, in der wir uns befinden, verpassen wir die Geschenke, die die diese Phase uns bescheren kann. Aber wenn wir sie voll und ganz annehmen, ernten wir die Früchte.
Wenn du dich das nächste Mal verloren, verwirrt, erschöpft oder ahnungslos fühlst, kannst du das feiern: Du hast eine neue, entscheidende Phase in deinem kreativen Zyklus erreicht. Wenn du die fruchtbare Leere annimmst, werden deine kreativen Werke tiefgründiger und wirkungsvoller.
In ihrem Podcast „Plenty“ vom Januar 2026 kannst du mehr dazu anhören (auf englisch).
Führt dein Antreiber oder deine innere Weisheit?
Wie geht es dir mit dem Jahresanfang?
Ringst du mit dem Gefühl, du müsstest und solltest etwas tun? Dass du den Anschluss oder deine große Chance verpasst, wenn du jetzt das tust, was dein Körper dir signalisiert?
Das ist ein Zeichen, dass dein innerer Antreiber am Steuer sitzt.
Was sagt dein tieferes Selbst, die Stimme der inneren Weisheit dazu?
Was vermittelt dir ein Gefühl von innerem Frieden?
In den nächsten Wochen werde ich mehr dazu schreiben, wie du von Getriebenheit zu innerem Frieden findest und damit den Ton für das neue Jahr setzt.
Ich freue mich darauf, sanft mit dir zu starten – und genieße bis dahin die winterliche Ruhe und den Schnee in dem Bewusstsein, dass ich damit einem Jahrtausende alten Rhythmus folge.
Dieser Artikel erschien zuerst in meinem Newsletter.
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