Was dich im Kontakt mit dem inneren Kind wirklich weiterbringt – und welche Fehler den Prozess blockieren.
Die Arbeit mit inneren Anteilen und dem Internal Family Systems-Modell (IFS) kann tiefgreifende Veränderung ermöglichen. Doch auf dem Weg dorthin begegnen mir – sowohl bei Klientinnen und Klienten als auch in häufigen Ratschlägen, die im Netz kursieren – immer wieder ähnliche Stolpersteine. Diese fünf Fehler können den Prozess verlangsamen, innere Anteile in die Enge treiben oder echte Veränderung blockieren.
Wenn du diese Muster kennst, kannst du bewusster und achtsamer mit dir selbst und mit anderen arbeiten.
Fehler 1: Zu schnell zu den verletzten Anteilen vordringen
Einer der häufigsten Fehler in der Innere-Kind-Arbeit ist der Drang, schnell „zu den Wunden“ zu gelangen. Das ist verständlich: Die verletzten Anteile sind der Grund, warum jemand Unterstützung sucht. Und doch kann der Wunsch, eine schnelle Lösung zu finden, kontraproduktiv sein.
Sensible innere Teile, die über Jahre gelernt haben, sich zu schützen, verschließen sich umso mehr, wenn sie sich gedrängt fühlen. Das Ergebnis: Blockaden, Erschöpfung oder das Gefühl, nicht voranzukommen.
Im IFS gilt deshalb ein einfaches, aber tiefes Prinzip: Slow is fast. Wer langsam und geduldig vorgeht, gibt dem inneren Kind die Botschaft: „Hier bist du sicher. Du musst dich nicht beeilen.“ Erst wenn echtes Vertrauen entsteht, öffnen sich die Türen zu den tieferen Schichten – und dann oft schneller als erwartet.
Fehler 2: Widerstände ablehnen
„Dieser innere Kritiker nervt mich so sehr – ich will ihn einfach loswerden.“ Diesen Satz höre ich oft. Und er ist menschlich verständlich. Doch wenn wir innere Anteile abwerten, übergehen oder zum Schweigen bringen wollen, reagieren sie meist mit noch mehr Widerstand.
Wenn Widerstände übergangen werden, zeigen sie sich oft subtil als Schwierigkeiten im Prozess. Besprochene Ziele werden nicht umgesetzt. Termine kurzfristig abgesagt. Der Prozess fühlt sich zäh an, Zweifel kommen auf.
In der IFS-Arbeit gilt: Jeder Anteil hat einen Grund, so zu sein, wie er ist. Der übermäßig strenge Kritiker schützt vielleicht vor tiefer Scham. Der Anteil, der alles kontrollieren will, hat vielleicht früh gelernt, dass Kontrollverlust gefährlich ist.
Solange wir diese Schutzanteile ablehnen, entgehen uns ihre wahren Beweggründe. Sie zu entdecken – mit echter Neugier und Mitgefühl – ist oft der entscheidende Schlüssel für den gesamten Prozess. Widerstand ist keine Blockade. Ihn genau und wohlwollend zu verstehen ist meist der entscheidende Punkt, der bleibende Veränderung überhaupt ermöglicht.
Fehler 3: Keine Self-Leadership
Ein subtiler, aber wirkungsvoller Fehler: Wenn Therapeut*in, Coach oder Klient*in zu stark von einem inneren Anteil geleitet werden – etwa einem Teil, der „es unbedingt richtig machen will“, oder einem, der krampfhaft an einem bestimmten Ziel festhält –, gerät der Prozess ins Stocken.
Um wirkungsvoll zu sein, braucht inneren Arbeit Self-Leadership: eine spürbare Qualität, die sich durch Ruhe, Neugier, Klarheit, Mitgefühl und Kreativität auszeichnet. Sie entsteht, wenn wir mit dem Kern unseres Wesens in Kontakt kommen, anstatt „von innerem Manager zu innerem Manager“. Das Selbst urteilt nicht und drängt nicht. Es begleitet, fühlt mit und schafft den Rahmen den der Prozess braucht:
Innere Offenheit für Umwege ist oft schneller als ein vorgefertigter Plan. Wenn du bereit bist, nicht zu wissen, wo der Weg hinführt, entsteht ein Raum, in dem sich innere Anteile auf ihre ganz eigene Art zeigen können – in ihrem Tempo, auf ihre Weise.
Mehr zum Thema:
– Daran erkennst du die 4 häufigsten inneren Anteile und das Selbst
– So sieht es aus, wenn du dich aus deinem tiefsten Selbst heraus führst

Einen sicheren Rahmen, in dem tiefes Vertrauen entstehen kann.
Fehler 4: Tools statt Beziehung
Methoden, Techniken, Visualisierungen – all das hat seinen Platz. Aber der entscheidende Faktor für Therapie und Coaching ist die Beziehung zwischen Coach und Klient*in (Quelle).
In der Anwesenheit eines ruhigen, zugewandten Menschen reguliert sich unser Nervensystem. Wir können wieder klarer sehen, fühlen und denken. Diese innere Klarheit trägt mehr zur Heilung bei als jede Technik – besonders dann, wenn das innere System aufgewühlt ist und Ratschläge gar nicht aufnehmen kann.
Deshalb biete ich nur individuelles Coaching an – keine Selbstlernkurse. Echte Veränderung entsteht im Co-Regulationsraum zwischen zwei Menschen, nicht allein vor einem Bildschirm.
Fehler 5: Im Kopf bleiben – über Anteile reden statt mit ihnen in Kontakt gehen
„Ich habe einen inneren Anteil, der mich immer kritisiert. Der ist wahrscheinlich entstanden, weil meine Mutter sehr hohe Ansprüche hatte.“ – Das ist wertvolles Wissen. Aber das alleine verändert leider noch nicht die innere Dynamik.
IFS lebt vom direkten inneren Erleben. Die entscheidende Frage ist nicht: „Was weißt du über diesen Anteil?“, sondern: „Wo nimmst du ihn in deinem Körper wahr? Was möchte er dir gerade sagen?“
Wer nur über Anteile spricht, bleibt an der kognitiven Oberfläche. Erst wenn wir wirklich in Kontakt gehen – neugierig, offen, präsent –, können sich innere Teile wirklich gesehen und verstanden fühlen. Und nur dann beginnt echte Veränderung.
Ich kann stundenlang in der Garage stehen und mit meinem Sohn über das Fahrradfahren reden. Vielleicht fühlen wir uns hinterher auch beide schlauer. 😊 Trotzdem haben wir nicht wirklich gelernt, wie man die Balance hält, Schwung holt und auf der anderen Seite des Hügels wieder bremst.
In echten Kontakt und damit in einen spürbaren Prozess zu kommen, braucht manchmal den größten Mut. Und es braucht einen sicheren Rahmen. Das lohnt sich, denn erst durch die Erfahrung entsteht echtes Selbstvertrauen. Das spürst du im Kopf UND im Körper.
Fazit: Langsam, offen und beziehungsorientiert
Diese fünf Fehler haben eines gemeinsam: Sie entstehen oft aus dem verständlichen Wunsch heraus, schnell zu helfen, alles richtig zu machen, Schmerz zu lösen. Doch das innere System lässt sich nicht „mit Quick Fixes hacken“.
Was wirklich hilft: Geduld, Neugier, eine sichere Beziehung. Und die Bereitschaft, den inneren Anteilen auf Augenhöhe zu begegnen – nicht als Probleme, die gelöst werden müssen, sondern als Teile, die gesehen werden möchten.
Denn darum geht es im Kern der meiner Arbeit: nicht Kontrolle, sondern Verbindung.
Manchmal lösen sich die inneren Blockaden erst, wenn wir einen Rahmen finden, in dem wir nicht immer „stark“ sein, nicht alles alleine schaffen müssen. Sondern loslassen und getragen werden.
Wenn du das Gefühl hast, dass du allein nicht weiterkommst – oder einfach wissen möchtest, wie eine gemeinsame Arbeit aussehen könnte – findest du hier mehr Informationen zu meinen Coaching-Angeboten.
WER SCHREIBT HIER?
Maren Häde ist klinische Psychologin, selbst hochsensibel und spezialisiert auf Selbstzweifel-Coaching mit der Inneren Familie (IFS). Sie arbeitet vor allem mit Selbstständigen und Menschen, die ihre Beziehungen – zu anderen und sich selbst – vertiefen wollen.
In diesem Blog teilt sie faszinierende Einsichten in die innere Familie, das Nervensystem und praktische Tipps, um Selbstzweifel zu überwinden und Selbstvertrauen zu stärken.
Obwohl sie kleine Kinder hat und gefühlt nie Zeit, passen immer ein Podcast und eine Tasse Chai in den Tag.

