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Ein Moment des Scheiterns – wie IFS entstand

Ein kleiner Spoiler vorab: IFS kommt ursprünglich aus der Psychotherapie. Die Aha-Momente dabei sind allerdings für jeden Menschen spannend. Sie könnten auch deine Sicht auf so manches Problem radikal verändern. Erkennst du das, was du hier liest, (in etwas milderer Form) vielleicht bei dir selbst?

Trigger-Warnung: Auf die Symptomatik wird bewusst nicht nicht tiefer eingegangen, vielmehr auf die Lösungen, die sich aufgrund der besonderen Sichtweise einer Patientin mit Essstörungen entwickelten. Dennoch wird das Thema angesprochen. Wenn dies für dich problematisch ist, solltest du die kursiv gedruckten Absätze über die Entstehung von IFS überspringen.

Ansteckende Begeisterung

Wer in Deutschland Psychologie studiert, lernt Diagnostik, Fragen zu stellen und den KlientInnen Raum zu geben. Und dann noch jede Menge Statistik. Denn Psychologie ist eine Wissenschaft. Um zu überprüfen, dass Methoden nicht nur „gefühlt“ wirken, sondern tatsächlich Verbesserungen bestimmter Symptome bewirken, kommt man an statistischer Auswertung nicht vorbei.

Diese Studien zeigen, dass viele Methoden gut sind, aber es keinen „Heiligen Gral“ gibt, der alle Probleme löst. Dafür ist die menschliche Psyche zu komplex.

Aus all diesen Gründen hört man Psychotherapeut*innen selten von ihrer Methodik schwärmen. Man hört sie eher sagen, dass sie sich für eine Richtung entschieden haben, dass sie überzeugt sind, dass sie ihnen liegt, gute Ergebnisse erzielt. Und das ist auch gut so, denn wenn es um meine mentale Gesundheit geht, möchte ich wirklich kein Marktgeschwätz hören!

Und doch erlebe ich zuletzt öfter, dass TherpeutInnen und KlientInnen ungewöhnlich ergriffen sind, wenn sie von einer bestimmten, neuen Therapierichtung sprechen. Plötzlich fallen Worte wie „Paradigmenwechsel“, „hat meine Haltung in der Therapie und privat zutiefst verändert“, „innerer Frieden“.

Darum möchte ich dir dieses Phänomen heute vorstellen. Ich bin sicher, dass du noch oft davon hören wirst.

Ich schreibe hier nicht ganz neutral, denn auch ich selbst kann mich diesen Worten anschließen. Nach 15 Jahren, in denen ich klinische Psychologie, Verhaltenstherapie und Systemische Ansätze von der Pike auf gelernt habe, hat dieser Ansatz sich angefühlt wie ein „nach Hause kommen“. Meine Arbeit mit KlientInnen hat sich zutiefst verändert, weil ich nicht nur eine Methode, sondern eine Lebenseinstellung gefunden habe, nach der ich immer gesucht habe – obwohl ich bis dahin gar nicht sagen konnte, dass mir etwas fehlt oder was ich eigentlich suche.

Die Geburtstunde von IFS: Scheitern und Lernen

Dr. Richard Schwartz, der IFS entwickelte, beschreibt den Aha-Moment, in dem Internal Family Systems entstand, folgendermaßen (hier kannst du seinen Bericht auf englisch lesen):

Ich arbeitete mit einer Patientin, die unter schweren Essstörungen litt. Ihr Untergewicht hatte bedrohliche Ausmaße angenommen. In den Sitzungen konnten wir uns auf Strategien einigen und sie wirkte motiviert. Doch je besser die Sitzungen aus meiner Sicht liefen, desto heftiger waren die Rückfälle zu Hause. Ich verspürte einen enorme Verantwortung, ihr zu helfen, doch wusste nicht, wie ich diese Rückfälle erklären oder gar stoppen konnte.

Sie beschrieb, dass sie verschiedene innere „Teile“ in sich spürte: Einer, der leben und die Essstörung hinter sich lassen wollte. Und einer, der strafend und vernichtend war. Gemeinsam versuchten wir, den ersten Anteil zu stärken und den zweiten Anteil zu überzeugen und zurück zu drängen. Wir gaben ihm gute Gründe und klare Schritte an die Hand. Doch je stärker der erste Anteil wurde, desto stärker wurde auch der Gegenspieler.

Eines Tages, nach einem besonders heftigen Rückfall, konnte ich nicht mehr: Ich brach in Tränen aus und sagte zu dem Teil: „Ich weiß nicht mehr weiter und ich will dich nicht bekriegen.“

Als Psychologin bekomme ich hier immer eine Gänsehaut. Diese Situation ist wahrscheinlich für jeden ein Albtraum. Und vor dem Klienten in einer Notfallsituation emotional zu werden und nicht weiter zu wissen, möchte wohl niemand erleben. Und doch war es genau dieser „Tabubruch“, der schonungslos ehrliche, zwischenmenschliche Moment, der die Weichen völlig neu stellte.

Neustart mit beginner’s mind: IFS entsteht

Plötzlich änderte sich die Atmosphäre, etwas in der Patientin wurde weicher und dieser Anteil sagte: „Ich will dich auch nicht bekriegen. Ich kann auch nicht mehr.“

Völlig erstaunt und ohne jedes Konzept im Hinterkopf begann ich, diesem Anteil meine ehrlichen Fragen zu stellen. Ich wollte wirklich verstehen, warum er so extrem mit der Patientin umging.

Es zeigte sich: Je mehr wir diesem Anteil einfach zuhörten, seine Welt und Logik verstanden und damit AUFHÖRTEN, ihn zurück zu drängen, desto MILDER wurden paradoxer Weise die Rückfälle der Patientin. Nach und nach begann dieser Anteil, uns zu vertrauen. Wir konnten zu den tieferen Verletzungen und Lasten vordringen, die er in sich trug. Und er begann, diese Lasten loszulassen. Das war der Anfang eines langen, stetigen Heilungsweges für die Patientin.

All das entstand aus einem Moment, in dem sich ein Experte eingestehen musste, dass das, was er bisher versucht hatte, was er gelernt hatte, nicht funktioniert. Und völlig neu ansetzte.
Im asiatischen Raum wird der Zustand des „Nicht-Wissens“ sehr viel mehr wertgeschätzt als in der westlichen Kultur. Während bei uns als Experte gilt, wer besonders viel Wissen hat, betrachten andere Kulturen dieses Vorwissen auch als hinderlich. Fakt ist: Je mehr wir glauben zu wissen, desto eher interpretieren wir unsere Annahmen in eine Situation hinein, anstatt wirklich zuzuhören und zu versuchen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind.

Richard Schwartz blieb gar nichts anderes übrig. Mit seinem Latein am Ende, begann er, seine Ideen davon, wie die Lösung für die Patienten aussehen solle, beiseite zu lassen und unvoreingenommen zuzuhören.

Vom Einzelfall zur Methode

Immer mehr Patienten berichteten Schwartz von diesen inneren Anteilen. Zuerst befürchtete er, dass sie vielleicht kränker sein könnten, als zuerst gedacht. Doch dann stellte er fest, dass auch er selbst häufig verschiedene Ansichten oder gemischte Gefühle in sich wahrnehmen konnte. Da Schwartz als Familientherapeut ausgebildet war, begann er, mit den inneren Anteilen in der Therapie so zu arbeiten, wie er auch mit „echten“ Familienmitgliedern arbeiten würde. Er hörte ihnen zu, begann zu verstehen, wie sie sich gegenseitig beeinflussten und gab ihnen Raum, zu sagen, was ihnen wichtig war. Dies führte immer wieder zu einer enormen Entlastung seiner Klienten.

Im Nachhinein bezeichnet er die Tatsache, dass er nicht weiter wusste, als das größte Geschenk. Er wäre sonst nie gezwungen gewesen, aus der Autorität seiner Rolle auszusteigen und komplett auf Augenhöhe mit den Patienten ihr Verständnis von ihrem Innenleben zu erforschen.

Daraus entwickelte sich eine neue Therapieform und letztlich eine ganze neue Sicht auf den Menschen, die erstaunlich und lebensbejahend ist. Und die vielen Menschen „aus der Seele spricht“ wie keine andere Form.

Wenn wir also viele innere Anteile in uns feststellen, bedeutet das nicht, dass wir wie eine zerbrochene Vase sind, die man wieder zu einem ganzen Teil zusammensetzen muss. Es geht vielmehr darum, diese Anteile zu sehen, ernst zu nehmen und ihnen zu helfen, sich gegenseitig zu unterstützen – anstatt sich zu blockieren, innere Widerstände zu unterdrücken oder „wegzutherapieren“. Genauso wie man einer Familie nicht helfen würde, indem man einzelne Mitglieder wegsperrt, sondern erstmal nach gesunden Umgangsformen miteinander suchen würde.

Nach und nach entwickelte und verfeinerte Schwartz die Arbeit mit Persönlichkeitsanteilen und machte dabei weitere Entdeckungen machte, welche die bisherige Sicht auf die Psyche komplett in Frage stellten.
Über diese Besonderheiten kannst du im Übersichtsartikel zu IFS mehr lesen.

Reflektionsfragen:

  • Welche Situationen könnten davon profitieren, dass du dein Wissen loslässt und wie ein absoluter Anfänger auf die Dinge blickst?
  • Kannst du innere Anteile in dir feststellen?
  • Wie fühlt sich der Gedanke für dich an, dass jeder deiner inneren Anteile eine wichtige Botschaft haben könnte?
  • Wie gefällt dir die Vorstellung, dass innere Blockaden durch das Zuhören und Wertschätzen schwieriger Anteile überwunden werden können?

Für manche ist diese Vorstellung eine Erleichterung, für andere kommt eher Angst auf: Nehmen die ungünstigen Anteile dann nicht überhand? Wird mich das überwältigen, oder werde ich völlig unproduktiv?

In der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Durch die Methodik von IFS verringert sich der Druck, den die inneren Anteile auf unser ganzes System ausüben. Wenn du das selbst erfahren möchtest, hör gerne in dieses Podcast-Interview rein, in dem ich tiefer darauf eingehe.
Oder vielleicht möchtest du dir direkt anschauen, wie du von IFS im Coaching profitieren könntest.

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