Gute Argumente für alle, die ihre Sensibilität lieber feiern als rechtfertigen möchten.
Ich hatte mir den Abend extra freigenommen. Es kommt nicht oft vor, dass ich am Feierabend mit Tee, Notizbuch und einer großen Portion Vorfreude nochmal den Laptop aufklappe. Aber diesmal lockten mich gleich zwei meiner Lieblingsthemen: Hochsensibilität meets Internal Family Systems. Ein Webinar, von dem ich mir viel versprochen habe.
Doch dann fiel in den ersten Minuten ein Satz, den ich echt nicht mehr hören kann. „Hochsensibilität ist keine Schwäche.“
Man würde ja auch nicht sagen: „Blaue Augen zu haben ist keine Schwäche. In Knallorange siehst du zwar etwas krank aus, dafür haben blauäugige andere Stärken.“ Jetzt weiß ich immer noch nicht, was mir besser steht, habe aber ein blödes Gefühl, wenn ich in den Spiegel schaue.
Ich wünsche mir, dass sensible Menschen irgendwann aufhören müssen, sich ständig zu erklären – und fange deshalb heute damit an, das umzudrehen. Hier kommen 5 Sätze, die ich in Zukunft gerne öfter hören würde.
WER SCHREIBT HIER?
Maren Häde ist klinische Psychologin, selbst hochsensibel und spezialisiert auf Selbstzweifel-Coaching mit der Inneren Familie (IFS). Sie arbeitet vor allem mit Selbstständigen und Menschen, die ihre Beziehungen – zu anderen und sich selbst – vertiefen wollen.
In diesem Blog teilt sie faszinierende Einsichten in die innere Familie, das Nervensystem und praktische Tipps, um Selbstzweifel zu überwinden und Selbstvertrauen zu stärken.
Obwohl sie kleine Kinder hat und gefühlt nie Zeit, passen immer ein Podcast und eine Tasse Chai in den Tag.
1. Hochsensible Menschen sind die besten Zuhörer
Weil sie viele Zwischentöne wahrnehmen und sehr einfühlsam sind, können sensible Menschen sehr treffend widerspiegeln, wie es anderen geht. Darum sind sie meistens diejenigen, an denen man anvertraut, was man nicht jedem erzählen würde.
Darüber hinaus haben hochsensible Menschen meistens selbst gelernt, dass Lösungen von anderen nicht unbedingt zu ihnen passen und halten sich entsprechend auch mit oberflächlichen Ratschlägen zurück. Wenn sie einen Tipp geben, ist der gut durchdacht und emotional stimmig.
2. Hohe Sensitivität heißt auch tiefere Freude
Das Bild unten zeigt meinen Weg zur Arbeit heute morgen: Nebel auf dem Fluss, glitzernde Sonnenstrahlen, ein Reiher steht einfach still da und erlaubt mir, für einen Augenblick still zu werden und zu genießen.
In diesen Momenten tankt das Nervensystem in der Tiefe auf, ganz ohne großes Programm.
Genau so intensiv spüre ich, wenn eine Klientin im Coaching den Satz gefunden hat, den ihr inneres Kind unbedingt hören musste. Ich bekomme am ganzen Körper ein Prickeln und ein bisschen feuchte Augen.
Der große Vorteil: HSP nehmen nicht nur störende, sondern auch schöne Aspekte stärker wahr. So können sie leichter Glimmer finden: Alltagsmomente, die uns unmittelbar in bessere Stimmung versetzen – das Gegenteil eines Triggers.

3. Sensibilität ist ein Schutzfaktor gegen Depressionen
Das klingt erstmal überraschend, oder? Sensible Menschen brauchen oft mehr Rückzug und fühlen sich schneller überreizt. Doch wenn sie erstmal gelernt haben, mit diesen Grenzen gut umzugehen und einen Ausgleich zu finden, profitieren sensible Menschen von dieser Achtsamkeit stärker als andere.
Ein Beispiel: An einer Mädchenschule wurde ein Programm durchgeführt, dass den Selbstwert stärken und Depressionen vermindern sollte. Gleichzeitig wurde erfasst, wie sensibel die Schülerinnen waren. Noch ein Jahr nach dem Programm waren die sensiblen Schülerinnen deutlich zufriedener und ausgeglichener, während die Depressivität der weniger sensiblen Mädchen sogar leicht anstieg.
Mehr über diese erstaunliche Studie findest du hier: Sind hochsensible Menschen wirklich weniger belastbar?
4. Sensible Gehirne sind wie Hochleistungscomputer
Hochsensible Menschen nehmen gar nicht unbedingt MEHR wahr. Sie blenden nur weniger Informationen aus. Das HSP-Gehirn damit mehr Reize und aktiviert mehr Regionen im Gehirn gleichzeitig.
Das führt zu stark vernetztem Denken: Sie können Zusammenhänge zu erkennen, die anderen verborgen bleiben, berücksichtigen verschiedene Perspektiven und Variablen und finden vorausschauenden und kreative Lösungen.
Was nach außen manchmal verträumt oder langsam wirkt, ist eine echte Höchstleistung.
Wer einen Presslufthammer sucht, wird mit einem MacBook Air nichts anfangen können. Aber wer gerne tiefe, differenzierte Gespräche führt und dabei subtile Schönheit und Kreativität zu schätzen weiß, fühlt sich in der Gegenwart sensibler Menschen oft besonders wohl.
5. Hochsensible Menschen werden in den meisten Kulturen sehr geschätzt
Egal wo auf der Welt an Hochsensibilität geforscht wird: Überall sind etwa 20–30 Prozent der Menschen hochsensibel – und überall kommen ihnen besonders geschätzte Rollen zu. Früher waren das die weise Älteste, die Kräuterfrau, die Hebamme, der Schamane.
Heute verteilt sich diese Weisheit auf viele Berufsfelder: Therapeutinnen, Lehrerinnen, Ärztinnen – aber auch Gärtnerinnen, Schriftstellerinnen, Musikerinnen, Fotografinnen. Menschen, die sich auf ihre Art für Schönheit, Gerechtigkeit und Heilung einsetzen – von Menschen, Tieren und diesem Planeten.
Die Welt braucht diese Stimmen. Sie hat sie immer gebraucht.
Welche Seite deiner Sensibilität feierst du an dir am meisten? Und hat die Liste vielleicht etwas ans Licht gebracht, das du bisher noch nicht so gesehen hast?
Ich freue mich, in den Kommentaren von dir zu hören.
Diesen Artikel habe ich eigentlich für meinen Newsletter geschrieben.
Jeden Freitag verschicke ich einen liebevollen Reminder für ein ansteckendes Selbstvertrauen.
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